Ringvorlesung: Perücken mit literarischem Eigenleben. Zu Haar und Genre
Datum
9. Dezember 2026, 16:15 Uhr – 17:45 Uhr
Ort
Technische Universität Darmstadt
Beschreibung
Vortrag von Martina Wernli (Humboldt-Universität Berlin) im Rahmen der Ringvorlesung "Widerständige Haare zwischen Ungehorsam und Selbstermächtigung. Transdisziplinäre Perspektiven auf Kinder- und Jugendmedien".
Ort: Technische Universität Darmstadt, Raum: S101/A4, Karolinenplatz 5, 64289 Darmstadt
Online-Teilnahme via Zoom: LINK
Sprache: Deutsch
Abstract:
Um 1800 wurden in Zeitschriften vermehrt Geschichten publiziert, in denen die Hauptfigur ein erzählendes Ding war. Pantoffeln, Münzen, Kalender oder Geldbeutel unterhielten das Publikum mit ihren Lebensgeschichten. Was auf den ersten Blick nach Trivialliteratur aussieht, bietet sich bei näherer Betrachtung als Reflexionsmedium einer Epoche im Wandel an: Produktionsverhältnisse, Konsumkultur und Warenhandel stehen zwischen Handwerk und Industrialisierung und die Zeitschriftenliteratur richtet sich mit steigenden Auflagen an ein breiteres Publikum. Am Beispiel von erzählenden Perücken beleuchtet der Vortrag die Haare und ihre inszenierte Rolle als eigenmächtige Akteure. Dabei untersucht der Vortrag das Genre der It-Narratives mit seinen Bezügen zur Unterhaltung (auch in der Kinder- und Jugendliteratur), zu Politik und Ästhetik.
Über die Ringvorlesung:
Vom staubfreien Schuh bis zum wohl frisierten Haupt wird das ,geputzte‘ Kind zum Brennpunkt der diskursiven Verhandlung zeitgenössischer Hygieneerziehungs- und Tugendideale. Das widerständige (Kinder-)Haar dagegen zeugt von einem Spannungsverhältnis zwischen lobenswerter Reinlichkeit und tadelnswerter Eitelkeit, das kulturhistorisch und regional codiert ist. Widerständige Haare können in der zeitgenössischen Kunst und Literatur als Sinnbild der Selbstermächtigung, aber auch der Ausgrenzung inszeniert werden. Nach wie vor zeugen diese Darstellungen von gesellschaftlichen Tabus, insbesondere wenn die (weibliche) Körperbehaarung thematisiert wird. Wenn das wildwuchernde Haar als Attribut von Renitenz und Selbstermächtigung inszeniert wird, werden die Rezipierenden eingeladen, Schönheit neu zu denken: als etwas, das in der Vielfalt, der Textur und dem Widerstand selbst liegt. In dieser Ringvorlesung werden nationale und internationale Expert*innen aus kultur- und literaturwissenschaftlicher Perspektive Schlaglichter auf die facettenreiche Ästhetik und Semantik erzählter und künstlerisch ins Bild gesetzter (Kinder- und Jugend-)Haare werfen.
Vorausgesetzt wird die Freude an der kritischen und reflektierten Auseinandersetzung mit dem Gegenstand sowie die Bereitschaft, sich aktiv an den Diskussionen zu beteiligen.
Die Vortragsreihe findet im Wintersemester 2026/27 statt und richtet sich an Studierende aller Fachrichtungen der TU Darmstadt, der Goethe-Universität Frankfurt und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie an die interessierte Öffentlichkeit.
Die Ringvorlesung ist Teil der Strategischen Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU) und wird vom RMU-Initiativfonds Lehre gefördert.