Demokratie als Lebensform: Neues RMU-Graduiertenkolleg untersucht sinnlich erfahrbare Aspekte des demokratischen Zusammenlebens
Ko-Sprecherin Professorin Sophie Loidolt (TU Darmstadt) und Sprecher Professor Johannes Völz (Goethe-Universität Frankfurt; Bild: privat))
Zum 1. April startet das Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“ unter Federführung der Goethe-Universität Frankfurt und mit Beteiligung der TU Darmstadt, die beide Teil der Rhein-Main-Universitäten (RMU) sind. Sprecher Professor Johannes Völz und Ko-Sprecherin Professorin Sophie Loidolt stellen das Forschungsvorhaben im Interview vor.
Liebe Frau Loidolt, lieber Herr Völz, welchen besonderen Blickwinkel auf die Thema Demokratie nimmt das Graduiertenkolleg ein, was ist sein Alleinstellungsmerkmal?
Sophie Loidolt: Wir betrachten Demokratie vom alltäglichen und sinnlich erlebbaren Aspekt her. Deshalb hat „Ästhetik“ bei uns auch die breite Bedeutung der aisthesis, was auf altgriechisch „Wahrnehmung“ heißt. Demokratie besteht unserem Ansatz nach nicht nur aus juridischen und politischen Institutionen, sie ist auch eine Lebensform – und als solche hat sie eine sinnlich wahrnehmbare, inszenierte, „in Form gebrachte“ Seite. Diese wollen wir mit den Mitteln, die wir insbesondere als Geisteswissenschaften zur Verfügung haben, beforschen. Damit stärken und explorieren wir ein ganz neues Feld, das der geisteswissenschaftlichen Demokratieforschung.
Welche Formen der Vergemeinschaften unterhalb der staatlichen Ebene zählen nach diesem Verständnis auch zur Demokratie?
Johannes Völz: Es geht um sinnlich erfahrbare Formen und Praktiken des Zusammenlebens, aber auch um künstlerische Produktion. Vergemeinschaftung ist dabei nicht immer harmonisch nach den Prinzipien Freiheit, Gleichheit, Solidarität zu verstehen, sondern durchaus auch konflikthaft. Wir sind von der Überzeugung geleitet, dass gerade in einer Demokratie die Form des Lebens in der Aushandlung ihrer Form besteht. In einer Demokratie, davon waren schon die alten Griechen überzeugt, regelt man seine Konflikte mit Worten, nicht mit Gewalt. Aber „Worte“- das hieß auch schon damals nicht nur rationale, zweckgeleitete Diskussion, sondern auch Rhetorik, Theater, Herumphilosophieren auf der Agora und dabei auch oft das widerständige Stören einer etablierten Ordnung.
Auch heute finden Menschen ihre Formen, um genau dies zu tun. Damit setzen sie Demokratie, also Gleichheit, Freiheit und Solidarität, erfahrbar ins Werk. Unsere These beschränkt sich deshalb nicht auf real existierende Demokratien, sondern erstreckt sich auch auf ästhetisch-demokratische Praktiken, Dinge und Erfahrungen an Orten der Welt, die nicht als liberale Demokratien bezeichnet werden können. Eines unserer Projekte untersucht zum Beispiel, wie die verbreitete Praktik des „Voting“ bei pop-kulturellen Gesangswettbewerben im anti-demokratischen Regime Chinas eine bestimmte sinnlich-erfahrbare Brisanz erhält – und auch ästhetisch so inszeniert wird. Zwei weitere Projekte setzen sich im Rahmen der Filmwissenschaften mit Ästhetiken der Nachbarschaft und Stimme beziehungsweise Stimmlosigkeit von Gastarbeiterinnen im deutschen Film auseinander. Ein weiteres Projekt im Rahmen der Literaturwissenschaften beschäftigt sich mit dem Wieder- und Neuerzählen von klassischen Werken als demokratische Praxis.
Mit welchen Ansätzen und Methoden möchten Sie diese anschaulichen Formen des sozialen Lebens nun näher analysieren? Welche Disziplinen sind beteiligt?
Sophie Loidolt: Geisteswissenschaften sind seit jeher spezialisiert darauf, „Texte“ im weitesten Sinn zu lesen, zu verstehen und auszulegen. Damit meinen wir nicht nur Bücher, sondern alles, was Menschen produzieren und was man „lesen“ kann. Die ersten Texte, so könnte man sagen, waren Textilien, die Menschen zu Kleidern verwoben haben, um sich zu schützen, zu repräsentieren, zu schmücken. Hier sind wir wieder bei der sinnlichen und der ästhetischen Dimension. Geisteswissenschaftliche Disziplinen haben hermeneutische, form- und materialwissenschaftliche Expertise ausgebildet, um Bilder, Töne, Handlungsweisen, Zeichen zu analysieren: alle Äußerungen des menschlichen „Geistes“, einzeln und kollektiv, die immer auch eine sinnliche Seite haben. Beteiligt an dem Graduiertenkolleg sind Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften, Amerikanistik, Film- und Medienwissenschaften, Germanistik, Kunstgeschichte, Neuere Geschichte, Philosophie, Skandinavistik und Sinologie.
Wir sehen es als ein kreatives und inhaltlich notwendiges Experiment an, diese geisteswissenschaftliche Perspektive auf Gegenstände anzuwenden, die üblicherweise den Sozialwissenschaften zufallen. Freilich schotten wir uns damit nicht ab von den Sozialwissenschaften, diese sind an mehreren Schnittstellen eingebunden. Und sowohl in Frankfurt als auch in Darmstadt haben wir ohnehin eine gute Geschichte der engen Kooperation. Aber wir versprechen uns auch wirklich etwas Neues davon, unsere geisteswissenschaftliche Kräfte für die Demokratieanalyse zu bündeln. Wir können noch viel voneinander lernen, über Disziplinen, Generationen, Länder und Forschungskulturen hinweg, sowohl im Kolleg selbst als auch mit unseren internationalen Partnern.
Welche Rolle spielt für das Graduiertenkolleg der Dialog mit zivilgesellschaftlichen Partner*innen und Institutionen der Öffentlichkeit?
Johannes Völz: Für uns war es von vornherein ein Anliegen, gelebte Demokratie nicht nur zu erforschen, sondern selbst einen Beitrag zu leisten für eine Stärkung demokratischer Kultur. Immerhin – und da sind sich die Kolleg*innen einig – sehen wir das demokratische Miteinander, mit dem die meisten von uns wie selbstverständlich aufgewachsen sind, als ernsthaft gefährdet an. Unsere Kollegiat:innen werden deshalb Public Humanities-Projekte entwickeln, die direkt aus ihren Promotionsprojekten hervorgehen und in diese zurückwirken sollen. Damit diese Projekte realisiert werden können, haben wir knapp zwanzig Partnerorganisationen aus Kultur und Politik um uns geschart, zum Großteil aus der Rhein-Main-Region, aber auch darüber hinaus. So werden die Doktorand*innen mit Museen, Literaturhäusern und sogar mit dem Auswärtigen Amt zusammenarbeiten, um mit der Öffentlichkeit in Austausch treten zu können. Wir sind froh, dass das Präsidium der Goethe-Universität die Bedeutung unserer Public Humanities-Programmatik erkannt hat und diese Projekte mit einer kleinen Förderung unterstützt.
Frau Loidolt, Sie sind als leitende Wissenschaftlerin und Co-Sprecherin in das Projekt eingebunden. Was ist der Anteil der TU Darmstadt an der Forschung?
Sophie Loidolt: Ich bin als Philosophin in das Projekt eingebunden. Da wir außergewöhnlich viele und sehr gute Bewerbungen aus dem Feld der Philosophie erhalten haben, sind drei Projekte in Darmstadt angesiedelt. Zwei davon haben mit meinem Schwerpunkt in der Hannah-Arendt-Forschung zu tun, in deren Rahmen ich mich vor allem mit Fragen der Pluralität und der Öffentlichkeit als Sinn- und Erfahrungsraum beschäftige. Ein Projekt untersucht die akustischen Dimensionen der Demokratie, indem Arendts Überlegungen zu Stimme, Narrativ und Theater in diesem neuen Kontext betrachtet werden. Ein weiteres Projekt befragt Verweigerung und Rückzug vom Politischen als eine explizit demokratische Geste. Das dritte Projekt schließlich setzt sich mit einer Ästhetik der Algorithmik auseinander, das heißt damit, wie das algorithmische Zeitalter unser Wahrnehmen verändert und welche Auswirkungen dies auf die Demokratie hat. Daran kann man auch gut sehen, wie TU-Expertise in das Gesamtprojekt einfließt. Ganz generell halte ich das Projekt für eine äußerst gelungene und zukunftsweisende Zusammenarbeit zwischen unseren Universitäten. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit der internationalen und interdisziplinären Gruppe an Kollegiat*innen und den Kolleg*innen aus Frankfurt.
Die Fragen stellte Michaela Hütig.
Das Graduiertenkolleg „Ästhetik der Demokratie“
Das Graduiertenkolleg “Ästhetik der Demokratie” wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vom 1. April 2026 für zunächst fünf Jahre mit knapp sechs Millionen Euro gefördert. Es analysiert die sinnliche und ästhetische Dimension von Demokratie – von der Wahrnehmungs- bis zur Handlungsebene. Damit stehen Ordnungen, Praktiken, Dinge und Erfahrungen, die dem demokratischen Zusammenleben Form verleihen, im Zentrum des Interesses. Dieser Ästhetik der Demokratie wurde bisher erstaunlich wenig Aufmerksamkeit gewidmet, anders als etwa der Ästhetik des Faschismus. Unter Anwendung von Begriffen aus der politischen Theorie zum Ineinandergreifen von Regierungsform und kollektiver Lebensform arbeiten Forschende unterschiedlicher Disziplinen zusammen, etwa der Literatur-, Kunst-, Film- und Medienwissenschaften, Geschichte und Philosophie.
Die Sprecherschaft hat Johannes Völz inne, Professor für Amerikanistik an der Goethe-Universität. Stellvertretende Sprecherin ist die Philosophin Professorin Sophie Loidolt von der TU Darmstadt. Beide Universitäten gehören dem Hochschulverbund der Rhein-Main-Universitäten (RMU) und bieten die standortübergreifenden Masterstudiengänge „Internationale Studien, Friedens- und Konfliktforschung“ sowie „Politische Theorie“ an.