Aus der Antike in die Zukunft
Prof. Dr. Johannes Lipps (r.) von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Prof. Dr. Dirk Wicke (l.) von der Goethe-Universität Frankfurt stehen dem Verbund Archäologie Rhein-Main aktuell als Sprecher bzw. Vize-Sprecher vor. (Foto: Peter Thomas)
Der Verbund Archäologie Rhein-Main – kurz VARM – bündelt bereits seit mehr als zehn Jahren die vielfältigen archäologischen Aktivitäten im Rhein-Main-Gebiet. Getragen wird VARM von Beginn an von den Rhein-Main-Universitäten in Mainz, Frankfurt und Darmstadt – in Kooperation mit wichtigen, renommierten Partnerinstitutionen in der Wissensregion. Die Kooperationspartner arbeiten trans- und interdisziplinär eng zusammen und koordinieren diverse Aktivitäten in Forschung und Lehre sowie in der Vermittlung der Altertumswissenschaften und speziell der Archäologie.
Eine Brücke schlagen aus vergangenen Jahrtausenden in unsere Gegenwart – dieser Aufgabe hat sich der Verbund Archäologie Rhein-Main (VARM) bei seiner Gründung Ende 2015 verschrieben. Bei der kommenden Jahrestagung des Verbunds im Spätherbst wird dieses Thema erweitert, nämlich um eine aktuelle Transformation in den Altertumswissenschaften: "Künstliche Intelligenz in den Archäologien" lautet das Motto des VARM-Tags 2026.
VARM ist eines der frühen Erfolgsprojekte der Rhein-Main-Universitäten (RMU). Aktuell wird der Verbund neben der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), der Goethe-Universität Frankfurt und der Technischen Universität Darmstadt getragen vom LEIZA – Leibniz-Zentrum für Archäologie in Mainz, der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, dem Landesamt Denkmalpflege Hessen und der Bodendenkmalpflege der Stadt Frankfurt. Wichtigste Ziele sind der Austausch und die Förderung gemeinsamer Forschung im Bereich der Altertumswissenschaften.
Trans- und interdisziplinäre Zusammenarbeit
"Der Verbund Archäologie Rhein-Main hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einem starken Netzwerk entwickelt, das neben Forschung und Lehre auch die Themen Sammlungen, Denkmalpflege und außeruniversitäre Spitzenforschung verbindet", berichtet Prof. Dr. Dirk Wicke von der Goethe-Universität Frankfurt, der VARM von Beginn an begleitet hat – zuerst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der JGU und mittlerweile als Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Goethe-Universität, zudem viele Jahre als Sprecher, aktuell als Vize-Sprecher des Verbunds. "VARM hat sich als Marke durchgesetzt. Unser Verbund hat in der Archäologie einen guten Ruf", betont auch Prof. Dr. Johannes Lipps, seit 2019 Professor für Klassische Archäologie an der JGU und seit Januar 2026 VARM-Sprecher.
Gründungsgedanke des Verbunds war es, die zahlreichen archäologischen Einrichtungen in der Rhein-Main-Region als eine wissenschaftliche Gemeinschaft zu begreifen und auf dieser Grundlage die Zusammenarbeit auszubauen. "Archäologische Fächer und Einrichtungen sollen nicht einfach nur nebeneinanderher bestehen, sondern ihre Stärken in Kooperation ausspielen. Diese Leitidee prägt unsere Arbeit", so Prof. Dr. Johannes Lipps.
Leuchtturmstandort für Deutschland
"Schon vor dem Zusammenschluss im Verbund Ende 2015 gab es viele Initiativen und Projekte im Bereich Altertumswissenschaften hier im Rhein-Main-Gebiet. Die einzel#nen Institutionen waren damals aber noch nicht systematisch vernetzt. Und so war das Thema Archäologie einfach weniger sichtbar", erinnert sich Prof. Dr. Dirk Wicke. "Man kann vorhandene Strukturen und Angebote natürlich nur optimal nutzen, wenn man überhaupt davon weiß", ergänzt Prof. Dr. Johannes Lipps.
Und das Angebot in der Rhein-Main-Region – zwischen Mainz und Frankfurt, zwischen Darmstadt und Wiesbaden – ist ausgesprochen breit und vielfältig, mit einem großen Portfolio an Fächern und Forschungszielen: von der Klassischen und Provinzialrömischen Archäologie über Vorderasiatische und Islamische Archäologie und die Archäologie Afrikas bis hin zu Vor- und Frühgeschichte sowie Bauforschung, Numismatik und Archäometrie an Universitäten und Museen, in der Denkmalpflege und in Forschungsinstituten.
Diese Struktur mache das Rhein-Main-Gebiet im deutschlandweiten Vergleich einzigartig, betont VARM-Sprecher Lipps durchaus selbstbewusst: "Es gibt wohl keine andere Wissenschaftsregion in Deutschland, in der so viele Archäologinnen und Archäologen auf so engem Raum in verschiedenen Institutionen tätig sind." VARM setze sich dafür ein, aus diesem Standortvorteil eine hohe wissenschaftliche Produktivität zu schaffen. Das könne auch Vorbild für andere Disziplinen sein, so Lipps weiter.
Von der Stärke der Archäologien und der Zusammenarbeit in VARM profitieren natürlich auch die Studierenden der beteiligten Universitäten: Mainz, Frankfurt und Darmstadt bieten eine komplementäre Vielfalt an Schwerpunkten innerhalb der Archäologien. Hinzu kommen wertvolle Zugänge zu Praktika in Museen, Denkmalpflege und internationalen Forschungsprojekten an allen drei Standorten.
Clusterantrag 2019 als Meilenstein
Dass ausgerechnet ein vergleichsweise kleines Fach wie die Archäologie eines der ersten Verbundprojekte der Rhein-Main-Universitäten über Bundesländer und Einrichtungsformen hinweg etabliert hat, gilt den beiden Professoren als schlüssig: "Wer in kleineren Fächern die wissenschaftliche Breite für die Zukunft erhalten und weiter ausbauen will, der muss einfach kooperieren", so Wicke. Der Rahmen der Rhein-Main-Universitäten sei optimal geeignet, um institutionelle Grenzen zu überwinden.
Ein besonderer Meilenstein für VARM war der Clusterantrag im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern im Jahr 2019. Bewilligt wurde der Förderantrag zwar nicht, er brachte die Forschenden dennoch enger zusammen: "Wir haben Ideen geschärft, unsere Verbindungen untereinander ausgebaut, in Mainz wurde der Profilbereich '40,000 Years of Human Challenges' samt einer Koordinationsstelle eingerichtet", berichtet Lipps.
Unter den Projekten, die in den vergangenen Jahren maßgeblich von VARM profitiert haben, nennen die beiden Sprecher beispielsweise die Erforschung römischer Flusslandschaften in Südhessen. Dieses Projekt hat neue Perspektiven auf die Geschichte des Landgrabens im Kreis Groß-Gerau eröffnet. Dessen Nutzung als Wasserweg reicht vermutlich bis in die römische Antike zurück – und nicht lediglich bis in die Zeit der hessischen Landgrafschaft, wie bisher vermutet.
Künstliche Intelligenz als wertvolles Werkzeug
Seit 2019 hat sich der Verbund insbesondere als Arbeitsplattform der Archäologie im Rhein-Main-Gebiet verstärkt. Ein schöner Beleg für den aktiven Austausch und die Reichweite des Netzwerks war auch der erste VARM-Tag im November 2024 im LEIZA in Mainz. Mehr als 110 Teilnehmende kamen zur Premiere – eine beeindruckende Resonanz, die 2025 mit dem VARM-Tag "Perspektiven für die Zukunft" an der Goethe-Universität mit rund 150 Archäologinnen und Archäologen sogar noch übertroffen wurde. Bei der Jahrestagung 2026 an der JGU wird der Einsatz künstlicher Intelligenz in den Archäologien im Fokus stehen.
"Digitale und KI-basierte Verfahren haben sich im Fach bereits etabliert", berichtet Prof. Dr. Johannes Lipps. Dabei sind die automatisierte Digitalisierung von Tontafeln mit Erkennung von Keilschriftzeichen, Bildanalyse und Objekterkennung nur einige Beispiele. KI-Systeme können immense Mengen an Material nicht nur speichern, sondern auch einordnen und damit bei konkreten Forschungsfragen auffindbar macht. "Das können unsere neuen Archivare werden", schmunzelt Prof. Dr. Dirk Wicke. Dabei verliere die Fachkompetenz von Archäologinnen und Archäologen aber nicht an Bedeutung – ganz im Gegenteil. "Je mehr Daten für uns verfügbar sind, desto wichtiger wird die Fähigkeit, sie kritisch einordnen und deuten zu können."
Und genau deshalb ist den beiden VARM-Sprechern aus Mainz und Frankfurt sehr daran gelegen, dass der Verbund nicht nur eine Brücke schlägt in die Antike, den Alten Orient oder das Mittelalter, sondern sich mit neuen Strategien, Tools und Werkzeugen für die Zukunft wappnet.
Text: JGU Magazin