Musik wird öffentlich: Kartierung und Erschließung der Musikbestände des 19. Jahrhunderts in den RMU-Bibliotheken
Bild: Universitätsbibliothek Frankfurt
Musikbestände des 19. Jahrhunderts aus den Bibliotheken der Rhein-Main-Universitäten sollen künftig sichtbarer und zugänglich werden: Im Dezember 2025 wurde das erste Projekt der Universitätsbibliotheken in der Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU) bewilligt, das gemeinsam mit Prof. Dr. Klaus Pietschmann und Prof. Dr. Ursula Kramer vom Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) beantragt wurde.
Ziel des auf 18 Monate angelegten Vorhabens ist die Kartierung und wissenschaftliche Erschließung historischer Musikbestände an den Universitätsbibliotheken Frankfurt und Mainz sowie an der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Das Projekt bildet zugleich die Grundlage für einen anschließenden Digitalisierungsantrag im DFG-Programm „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme (LIS)“.
Musik als öffentlicher Raum im langen 19. Jahrhundert im Rhein-Main-Gebiet
Die Musikgeschichte des Rhein-Main-Gebiets im langen 19. Jahrhundert steht für eine Epoche tiefgreifender gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen: Musik wurde zunehmend öffentlich sichtbar und trug wesentlich zur Herausbildung einer bürgerlich-liberalen Gesellschaftsordnung bei. Das Nebeneinander tradierter höfischer Strukturen formte insbesondere in Darmstadt sowie einer aufstrebenden bürgerlichen Musikkultur in Frankfurt, Mainz und Darmstadt das musikalische Leben der Region. Ausdruck fand diese Entwicklung unter anderem in überregional beachteten Großereignissen wie den Mittelrheinischen Musikfesten. Zugleich entstand eine Musikregion mit bis heute nationaler und internationaler Strahlkraft, geprägt von herausragenden Persönlichkeiten wie Felix Mendelssohn-Bartholdy und Clara Schumann, vom Musikverlagswesen (v.a. Schott) sowie von renommierten musikalischen Institutionen wie den Opernhäusern und Orchestern in Frankfurt, Darmstadt sowie Mainz.
Die Erforschung dieser Entwicklung steht bislang noch aus. Eine zentrale Grundlage hierfür bilden die Musikalienbestände des 19. Jahrhunderts in den RMU-Bibliotheken.
Musiksammlungen zwischen Zettelkatalog, Noten- und Vereinsarchiv
Ziel des Vorhabens ist die Kartierung und grundlegende Erschließung des historischen Zettelkatalogs der Musikhandschriften-Sammlung der ULB Darmstadt sowie der Bestände der Chöre des Cäcilien-Vereins (und des Rühl’schen Gesangvereins) der UB Frankfurt. Der Rühl’sche Gesangverein wurde 1925 in den Cäcilien-Verein integriert; ergänzt wird das Projekt durch die rfassung der Archivbestände der Chorvereinigung Mainzer Liedertafel und des Damengesangvereins an der UB Mainz, um bedeutende Quellen zur regionalen Musik- und Chorgeschichte zugänglich zu machen.
Einbindung in RISM und KI-gestützte Erschließung
Im anschließenden Digitalisierungs- und Erschließungsprojekt soll die Katalogisierung der Musikalien sowie die Erfassung der Digitalisate im Répertoire International des Sources Musicales (RISM) erfolgen, einem derzeit maßgeblich von der JGU und GU unterstützten Akademievorhaben. Vorgesehen ist dabei die Erprobung von KI-basierten beziehungsweise teilautomatisierten Annotations- und Erfassungsverfahren.
Von der Projektinitiative zur nachhaltigen RMU-Servicestruktur
Die entwickelten Methoden sollen perspektivisch in das Serviceportfolio „Objects & Collections“ des RMU-Ressourcenzentrums eingegliedert werden. Dieses Ressourcenzentrum ist Teil des gemeinsamen Antrags des RMU-Verbunds im Rahmen der Exzellenzstrategie 2025.
Das Vorhaben verbindet Forschungsperspektiven der Musik- und Theaterwissenschaft mit Services sowie Infrastrukturen der RMU-Bibliotheken und besitzt Pilotcharakter für eine vertiefte Kooperation der beteiligten Einrichtungen. Es orientiert sich am Open-Science-Gedanken, der darauf abzielt, Forschungsprozesse und -ergebnisse transparent, zugänglich und reproduzierbar zu gestalten. In seiner Konzeption sowie durch die enge Zusammenarbeit von Forschenden und Informationsinfrastruktureinrichtungen stellt das Vorhaben einen innovativen Baustein für die strategische Weiterentwicklung der RMU-Allianz dar.
Text: Franziska Voß (UB Johann Christian Senckenberg), Jonathan Gammert (UB Mainz)