RMU-Graduiertenkolleg trifft sich zu Midterm-Konferenz
Midterm-Konferenz des RMU-Graduiertenkollegs (Bild: Timo Alexander Richter)
Seit 2023 forscht das Graduiertenkolleg (GRK) „Standards des Regierens“ von TU Darmstadt und Goethe-Universität Frankfurt – beide Teil der Rhein-Main-Universitäten (RMU) – zum Konzept der „Good Governance“. Auf einer Tagung tauschten sich die Wissenschaftler:innen nun über ihre Forschungsfragen aus – das Spektrum reicht vom Lieferkettengesetz bis zum Schutz von Wäldern. Sprecher Professor Jens Steffek gibt im Interview einen Einblick.
Herr Steffek, unter dem Motto „Standards, Governance und Global Transformations“ ist das Graduiertenkolleg „Standards des Regierens“ Ende Januar an der Goethe-Universität Frankfurt zu seiner Midterm-Konferenz zusammengekommen. Was waren für Sie wichtige Punkte im Programm?
Es ist für mich immer wieder faszinierend zu sehen, in wie vielen Politikbereichen Standards eine große Rolle spielen, von der Regulierung globaler Finanzmärkte über die Transparenz von Lieferketten bis hin zur Korruptionsbekämpfung und Gleichstellungspolitik. Ich habe während der Vorträge einen ganzen Notizblock vollgeschrieben, was mir bei Tagungen ehrlich gesagt nicht so oft passiert. In meinen Notizen finde ich auch ganz viele seltsame Abkürzungen, was typisch ist für Konferenzen zum Thema Standards. Auf den ersten Blick wirken manche dieser Themen ziemlich technisch und kleinteilig, aber hinter den technischen Details verbergen sich oft ziemlich große politische und gesellschaftliche Fragen. Diese Fragen herauszuarbeiten, macht einfach großen Spaß. Außerdem habe ich mich sehr gefreut, bei der Midterm-Konferenz eine ganze Reihe internationaler Expert:innen bei uns vor Ort zu haben, deren Namen ich bisher nur aus der Literatur kannte.
Wurden auf der Konferenz bereits erste Ergebnisse der Forschung des Graduiertenkollegs vorgestellt, etwa zu wichtigen Kernfragen wie der Entstehung, Verbreitung, Operationalisierung und Durchsetzung von Standards des Regierens?
Die Midterm-Konferenz haben unsere Promovierenden zusammen mit unserer Post-Doc Julia Drubel weitgehend in Eigenregie organisiert. Man konnte dabei wirklich sehen, wie sich unser Kolleg entwickelt und wie die junge Generation von Forschenden ihre Themen selbst setzt. Und klar, dabei gab es auch Einblicke in die Ergebnisse der Forschungsarbeit am Kolleg. Vieles war äußerst aktuell, wie etwa das Ringen um eine Lieferkettenregulierung in der Europäischen Union oder das Bemühen um einen besseren Schutz von Wäldern mit Hilfe von Standards der nachhaltigen Bewirtschaftung.
Welche besondere Bedeutung haben Standards als Instrumente der Governance in der heutigen Zeit, etwa mit Blick auf aktuelle globale Krisen?
Da muss man vermutlich differenzieren. Technische Standards sind in einer globalisierten, digitalen Ökonomie extrem wichtig und bilden globale Machtverhältnisse ab. Das zeigt nicht zuletzt Chinas Strategie, die internationale Standardsetzung viel stärker zu beeinflussen als in der Vergangenheit. Im Bereich der Nachhaltigkeit kann man mit Produktstandards viel erreichen, die Transparenz und Glaubwürdigkeit erzeugen; aber auch mit Verfahrensstandards, die die systematische Einbeziehung ökologischer Aspekte in die Entscheidungsfindung einfordern. Standardisierung ist aber sicher kein Allheilmittel. Einer militärischen Bedrohung durch aggressive, revisionistische Staaten wird man nicht mit Standards begegnen können.
„Standards des Regierens“ ist ein gemeinsames GRK der RMU-Partnerinnen TU Darmstadt und Goethe-Universität Frankfurt. Wie läuft die Zusammenarbeit, inwiefern sind der Verbund und die räumliche Nähe ein Vorteil?
Die alltägliche Zusammenarbeit der beiden Universitäten läuft inzwischen praktisch reibungslos. Gerade in unseren Fächern hat sie auch eine lange Tradition. Seit 2007 bieten wir bereits gemeinsame Masterstudiengänge in Politischer Theorie und Internationale Studien / Friedens- und Konfliktforschung an. Schon damals ging es darum, bestehende Stärken der beiden Universitäten zu bündeln, um herausragende Angebote im Bereich Lehre machen zu können. Von diesen Studiengängen profitiert nicht zuletzt auch unser Graduiertenkolleg. Administrativ, weil viele Prozesse zwischen den Verwaltungen eingespielt sind. Und in der Forschung, weil wir aus diesen Studiengängen hervorragende studentische Hilfskräfte rekrutieren können und inzwischen auch die ersten Promovierenden.
Was sind nun die nächsten Schritte für das GRK, wie geht es weiter?
Momentan beschäftigen wir uns schon recht intensiv mit möglichen neuen Schwerpunkten in der Forschung zu Standards. Graduiertenkollegs der DFG bestehen ja aus zwei Förderphasen. Anfang nächsten Jahres müssen wir einen Fortsetzungsantrag vorlegen, in dem wir eine Agenda für die nächsten Jahre skizzieren. Darüber denken wir momentan zusammen mit den Promovierenden nach. Ein Thema, das ziemlich sicher vorkommen wird, ist die zunehmende Kontestation, also Infragestellung, von Standards des guten Regierens durch autokratische Herrscher und Populisten wie den US-Präsidenten Donald Trump, der sich wenig um Rechtsstaatlichkeit schert und auch versucht, nachhaltigkeits- und diversitätsbezogene Standards zu verabschieden – mit Folgen weit über die USA hinaus.
Die Fragen stellte Michaela Hütig.
Das Graduiertenkolleg „Standards des Regierens“
Das Graduiertenkolleg “Standards des Regierens” von Goethe-Universität und TU Darmstadt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seit dem 1. April 2023 für zunächst fünf Jahre mit 4,4 Millionen Euro gefördert. Anschließend ist eine Fortführung für weitere vier Jahre möglich. Das Kolleg widmet sich der Frage, wie „Standards des Regierens“ die Möglichkeit kollektiver Selbstbestimmung verändern. Es ist interdisziplinär angelegt und dient der Qualifikation junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Die Sprecherschaft hat Jens Steffek inne, Professor für transnationales Regieren an der TU Darmstadt, stellvertretende Sprecherin ist die Demokratieforscherin Professorin Sandra Seubert von der Goethe-Universität. Beide Universitäten sind mit jeweils fünf Forschenden aus den Fächern Politologie und Soziologie, Philosophie und Rechtswissenschaft beteiligt. Goethe-Universität und TU Darmstadt gehören dem Hochschulverbund der Rhein-Main-Universitäten (RMU) und bieten die standortübergreifenden Masterstudiengänge „Internationale Studien, Friedens- und Konfliktforschung“ sowie „Politische Theorie“ an.
Die innovative Leitidee des Graduiertenkollegs besteht darin, Normen des guten Regierens als Standards zu begreifen – vergleichbar technischen Normen – und zu analysieren. In der interdisziplinären Zusammenarbeit und in Kombination von empirisch-analytischer und normativer Forschung geht es etwa um die Fragen, wie Standards des Regierens entstehen und warum sie kodifiziert werden. Durch die Verbindung von Forschungsperspektiven, die normalerweise nicht gemeinsam betrachtet werden, soll im Kolleg auch ein Dialog zwischen politischer Theorie und Institutionenlehre und Fachdisziplinen wie der politischen Ökonomie, den Internationalen Beziehungen, der Rechtswissenschaft und der soziologischen Modernisierungsforschung stattfinden.