Als die Ökologien erfunden wurden

Mit dem Projekt "Romantische Ökologien" könnte die Rhein-Main-Region zur Hochburg der Romantikforschung werden und Akzente auf dem jungen Gebiet der Environmental Humanities setzen. Die Gemeinschaftsinitiative der Goethe-Universität Frankfurt am Main, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Technischen Universität Darmstadt vereint Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen.

Prof. Dr. Barbara Thums, Prof. Dr. Frederike Middelhoff und Prof. Dr. Roland Borgards leiten gemeinsam das Forschungsprojekt "Romantische Ökologien". (Foto/©: Forschungsschwerpunkt Medienkonvergenz/JGU; privat; Forschungskolleg Humanwissenschaften gGmbH)

"Grundlagen und literarische Elemente des ökologischen Denkens wurden in der Romantik formuliert", stellt Prof. Dr. Roland Borgards fest. "Im 18. Jahrhundert kam es zur Erfindung der Ökologie – oder besser: der Ökologien", erzählt der Literaturwissenschaftler von der Goethe-Universität. "In dieser Zeit finden wir eine erhöhte Hinwendung zur Natur. Man kann es euphorisch so formulieren, dass die ökologische Bewegung überhaupt erst mit der Romantik begann. Hier haben wir die Vorläufer für umweltbewusstes Handeln."

"Allerdings gab es in der Romantik nicht die eine Vorstellung davon, was ökologisches Denken ist", schränkt Prof. Dr. Barbara Thums vom Deutschen Institut der JGU ein. "Es entwickelte sich im Gegenteil eine Vielzahl von Konzepten, und das gleich in einer ganzen Reihe an Disziplinen. Deswegen ist uns der Plural sehr wichtig: Es geht um Ökologien." – "Tatsächlich finden wir sehr heterogene Positionen", bekräftigt Prof. Dr. Frederike Middelhoff von der Goethe-Uni. "Doch zugleich beginnt ein vernetztes Denken. Grenzen zwischen Natur und Kultur werden aufgeweicht."

Romantikforschung überschreitet Fächergrenzen

Damit haben die drei die Themen ihrer Forschungsinitiative "Romantische Ökologien" zumindest skizzenhaft umrissen. Aus ihren Blickwinkeln betrachtet gewinnt die Epoche der Romantik unerwartet an Aktualität. Neue, frische Farben leuchten auf. Es gelingt dem Trio, ein lebendiges Bild seiner Arbeit zu zeichnen, auch wenn das Gespräch nicht analog stattfinden kann: Thums sitzt in Mainz, Middelhoff und Borgards sind aus Frankfurt zugeschaltet. Gemeinsam riefen sie ein Forschungsvorhaben ins Leben, das selbst wiederum mehrere Disziplinen zusammenbringt.

"Uns verbindet das historische Interesse an der Romantik", erzählt Borgards. Er und Thums forschen seit mehr als 20 Jahren auf dem Gebiet. Sie trafen bereits um die Jahrtausendwende am Graduiertenkolleg "Klassizismus und Romantik" der Universität Gießen zusammen. "Und Frederike hat in ihrer Professur den Schwerpunkt Romantikforschung festgeschrieben. Das ist einmalig in Deutschland."

Zudem bietet das Rhein-Main-Gebiet ein hervorragendes Pflaster für solch ein Projekt: Die 2015 gegründete strategische Allianz der Rhein-Main-Universitäten (RMU), bestehend aus Goethe-Uni, JGU und TU Darmstadt, fördert die Initiative. "Wir haben mit dem RMU-Verbund die Chance, eine Hochburg der Romantikforschung im deutschsprachigen Raum zu werden", meint Middelhoff. "Dabei unterstützen uns auch das Freie Deutsche Hochstift und das gerade entstehende Deutsche Romantik-Museum hier in Frankfurt." Unter dem Dach von "Romantische Ökologien" kommen Skandinavistik, Kunstgeschichte, Musik- und Englische Literaturwissenschaft zusammen, unter anderem sind Prof. Dr. Immanuel Ott von der Hochschule für Musik Mainz und Prof. Dr. Gregor Wedekind von der Abteilung Kunstgeschichte der JGU vertreten. Es bestehen Kontakte zur Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und zum Frankfurter Max-Planck-Institut für Empirische Ästhetik.

Literatur und Musik, Dampfmaschine und Geologie

"Wir beschäftigen uns sowohl mit literarischen und philosophischen als auch mit naturwissenschaftlichen Texten aus der Zeit von 1790 bis 1850", erklärt Thums. "Daneben beziehen wir Werke aus der bildenden Kunst und der Musik mit ein. Wir befinden uns hier in einer Epoche, in der die Naturwissenschaften noch nicht so ausdifferenziert sind wie heute, wo sich die Biologie gerade erst herausbildet. Wir haben es mit vielen vermischten Dingen zu tun, dem wollen wir Rechnung tragen." Voriges Jahr veranstaltete die Initiative eine erste Ringvorlesung. "Wegen der Pandemie boten wir die Reihe nur digital an, was aber durchaus seine Vorteile hatte: Das Publikum war sehr international." Alexander von Humboldts Grafiken waren ebenso Thema wie die Gemälde Caspar David Friedrichs, das Aufkommen der Dampfmaschine oder die Geologie der Romantik.

"Uns treibt auf der einen Seite das Interesse für eine historische Epoche, auf der anderen wollen wir das junge Forschungsgebiet der Environmental Humanities voranbringen", sagt Borgards. Dies lässt sich am ehesten mit "Umweltwissenschaften" übersetzen. Die Evironmental Humanities zeichnen sich durch ihren betont interdisziplinären Ansatz aus.

Wie stand nun die Romantik zur Natur? Nach den bisherigen Ausführungen scheint klar, dass es darauf keine einfache, eindimensionale Antwort geben kann. "Wir sehen Ansätze für umweltbewusstes Handeln", konstatiert Borgards. "Aber es wird gern dagegengehalten, dass wir es häufig mit einem instrumentellen Verhältnis zur Natur zu tun haben: Es geht nicht um den Genuss der Natur, sondern um Selbstgenuss anlässlich der Natur."

Karoline von Günderrode, Bettina von Arnim

Konkrete Beispiele vermitteln einen Eindruck vom Facettenreichtum der Romantik – von ihren Ökologien. Und obwohl die Forscherinnen und Forscher der RMU-Initiative gern über Ländergrenzen hinausschauen, werden hier Bezüge zum Rhein-Main-Gebiet deutlich: "Es besteht das Vorurteil, dass Frauen seinerzeit in der Frage der Ökologie gar nichts wissenschaftlich Relevantes beitragen konnten, dafür seien sie gar nicht gebildet genug gewesen", so Borgards. Karoline von Günderrode allerdings, Sprössling einer alteingesessenen Frankfurter Familie, leistete hier einiges. "Dokumente aus dem Freien Deutschen Hochstift und unserer Universitätsbibliothek belegen, dass sie die einschlägigen Diskussionen sehr genau verfolgte und verstand. Sie entwickelte eine Idee der Erde als einem durch zahlreiche Wechselbeziehungen geprägten Gesamtorganismus, in dem der Mensch nur bestehen kann, wenn er sich entsprechend verhält."

Middelhoff hebt die Schriftstellerin Bettina von Arnim hervor: "In ihren semifiktionalen Gesprächsbüchern edierte und modifizierte sie Briefmaterial von Johann Wolfgang von Goethe, Karoline von Günderrode und ihrem Bruder Clemens Brentano." Sie erzählt dort von Offenbach und den Pappeln im Garten ihrer Großmutter, der Schriftstellerin Sophie von La Roche. "Bettina von Arnim beschreibt in faszinierend modernen Texten, wie sie sich erst dadurch wirklich sieht, dass sie sich mit nichtmenschlichen Akteuren ins Verhältnis setzt: durch ein Sich-Einstimmen auf Lüfte, auf Düfte, auf pflanzliche Materialien."

Für Juli 2022 lädt das RMU-Projekt "Romantische Ökologien" zu einer Tagung im Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg ein. Dort werden "Wasser|Landschaften. Ökologien des Fluiden um 1800" im Mittelpunkt stehen. Es soll um Teiche und Wasserfälle, um Meeresfluten, Bächlein und Flüsse gehen – selbstverständlich auch um den Rhein und den Main. "Das Mittelrheintal mit seiner ganz spezifischen Ökologie wird eine Rolle spielen", kündigt Thums an. "Wir wollen auch schauen, wie Städte und Flüsse miteinander kommunizieren." Also wird es noch ein paar Antworten geben, wie die Romantik zur Natur stand. Die Initiative steht erst am Anfang.

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