Schriftzeichen oder Zahn der Zeit: Markus Scholz entziffert Überreste römischer Wachstafeln aus Belgien

Atuatuca Tungrorum/Tongeren. Bruchstück eines hölzernen Schreibtäfelchens (Kat. Nr. 32) mit Erwähnung ehrenvoll entlassener Flottensoldaten (classici). Photo: Gallo-Romeins Museum Tongeren-Borgloon

Vor einem Jahr musste Professor Markus Scholz, Provinzialrömischer Archäologe und Inschriftenexperte an der Goethe-Universität, viele Medienanfragen beantworten: Die Entzifferung der „Frankfurter Silberinschrift“ durch ihn und sein Team stieß weltweit auf riesiges Interesse. Denn nun war der Beweis erbracht, dass schon im 3. Jahrhundert nördlich der Alpen Menschen an Jesus Christus geglaubt haben. Scholz‘ wissenschaftliche Ausdauer und Expertise kam jetzt einer weiteren Entzifferung zugute: Zusammen mit Prof. Dr. Jürgen Blänsdorf (Emeritus der Universität Mainz) konnte er Schrift identifizieren, die sich auf den hölzernen Überresten römischer Wachstäfelchen erhalten hatten, gefunden im belgischen Tongeren.

Tongeren gilt als älteste Stadt Belgiens. In der Provinz Limburg im Osten des Landes gelegen, geht Tongeren auf die römische Siedlung Atuatuca Tungrorum zurück, die vermutlich 451 durch die Hunnen zerstört wurde. Bis heute werden dort immer wieder Relikte aus römischer Zeit gefunden. Schon in den 1930er Jahren ausgegraben wurde eine größere Menge von Holzstücken, die man leicht hätte für Reste von Brettern oder Kisten halten können. Tatsächlich handelt es sich jedoch um die hölzernen Überreste römischer Wachstäfelchen: Sie dienten als Basis und Rahmen für die millimeterdünne Wachsschicht, die wiederum für alle möglichen Zwecke als Schriftträger genutzt wurde. Die mit einem Griffel ins Wachs gedrückten Buchstaben hinterließen nicht selten auch Spuren auf dem hölzernen Untergrund, und die galt es nun zu entschlüsseln. Das Wachs selbst ist nach so langer Zeit nicht mehr erhalten. In den 1930er Jahren war man davon ausgegangen, dass keine Schriftreste vorhanden seien. Die Funde waren in Vergessenheit geraten und wurden erst 2020 von Else Hartoch, Leiterin des Gallo-Romeins Museum Tongeren, gewissermaßen wiederentdeckt.

Entzifferung schwieriger als bei Silberinschrift

Hartoch wusste, an wen sie sich mit dieser Aufgabe wenden konnte. 2021 – mitten während der Pandemie – machte sich Markus Scholz ans Werk und konnte mit Unterstützung von Jürgen Blänsdorf tatsächlich so Einiges an interessanten Informationen herausfinden. Verglichen mit dem Entziffern der Silberinschrift war dies eine ungleich härtere Nuss, sagt er: „Das Holz, das ja auch über eine eigne Maserung verfügt, war komplett ausgetrocknet. Es war sehr schwierig zu erkennen, welche Kerben tatsächlich zu einem Schriftzeichen gehörten und nicht einfach Rillen im Holz oder Trockenheitsschäden waren“, erklärt der Archäologe. „Das waren schon größere Hürden als beim Amulett aus Nida, zumal die Täfelchen teilweise wiederbeschriftet worden waren und verschiedene Palimpseste übereinanderliegen“, betont er.

Die insgesamt 85 Fragmente stammten aus zwei unterschiedlichen Fundorten: zum einen aus einem Brunnen nahe des Forums und der öffentlichen Gebäude; sie waren offensichtlich bewusst ausrangiert und zerstört worden. Man warf sie in den Brunnen, damit niemand mehr die Informationen darauf lesen konnte – vielleicht Ausdruck antiken Datenschutzes. Bei vielen dieser Dokumente handelt es sich, wie Markus Scholz und Jürgen Blänsdorf herausgefunden haben, um Verträge und offizielle Mitschriften. „Bei Verträgen hat der Schreiber absichtlich mit viel Druck gearbeitet, damit der Text bis zum Holz eingeprägt war“, erklärt Scholz. Bei der zweiten Fundstelle handelte es sich um eine Matschmulde, die offenbar mit den nicht mehr brauchbaren Holztäfelchen und anderem Abfall trockengelegt werden sollte. Hier fanden sich auch Textsorten wie Abschriften für Behörden oder Schreibübungen von Schülern (meist die letzte Verwendung der schon gebrauchten Täfelchen) – aber auch der Entwurf einer Inschrift für eine Statue des späteren Kaisers Caracalla aus dem Jahr 207 n. Chr.

Dies herauszufinden, sei ein wirklich mühseliger Prozess gewesen, sagt Scholz. Trotz modernster Visualisierungstechnik wie z. B. Reflectance Transformation Imaging (RTI)-dome ging es stellenweise nur sehr langsam voran. „Wir mussten uns dann trotz Corona auch persönlich treffen und wiederholt an den Originalen studieren – selbstverständlich mit Atemschutzmaske“, erinnert sich Scholz. Jeder trug vor, was er für sich herausgefunden hatte, gemeinsam ergaben sich dann noch weitere Erkenntnisse.

Belege für hohe Ämter und kulturelle Vielfalt

Nur auf der Hälfte der 85 Stücke kann man tatsächlich Schriftreste nachweisen. Dafür hatten die entschlüsselten Buchstaben, Wörter und Namen einigen Neuigkeitswert. So wurden Belege dafür gefunden, dass bestimmte politische Ämter auch in der Provinz vergeben waren: Auf den Schreibtafeln wurde ein Decemvir erwähnt, ein hoher Magistratsposten, oder auch Liktoren, Leibdiener hoher Staats- oder auch Kommunalbeamter, die in den nördlichen Provinzen des Römischen Reiches bislang sehr selten bezeugt sind. Aber auch über die Bewohnerschaft der Region geben die Tafeln Auskunft: zum Beispiel waren unter ihnen solche, die nach dem Militärdienst bei den Römern in Tongeren ansässig wurden. Und dass manche von ihnen in der Rheinflotte gedient hatten. Neuigkeitswert haben auch die vielen Namen, die auf den Täfelchen nachgewiesen wurden und die auf eine multikulturelle Gesellschaft hinweisen: Namen keltischen, römischen und germanischen Ursprungs, von denen einige bislang nirgends sonst nachgewiesen sind.

Für Markus Scholz war diese Arbeit nicht weniger reizvoll als die am vielbeachteten Amulett aus dem römischen Nida im heutigen Frankfurter Stadtteil Heddernheim. Auch wenn das Material eher unspektakulär, die Inschriften für sich genommen weniger sensationell sind, so hat die Entzifferung die archäologische und althistorische Forschung ebenfalls enorm bereichert.

 

Literatur: Else Hartoch (ed.), The writing tablets of Roman Tongeren (Belgium) and associated wooden finds (Turnhout 2025). (S. 21-32 Abschnitt 1.2 über die entzifferten Texte und ihre Bedeutung sowie kommentierter Katalog S. 185-280 Catalogue Part 1; S. 281-314 Catalogue Part 2 von Jürgen Blänsdorf and Markus Scholz)

 

Text: Dr. Anke Sauter, Goethe-Universität Frankfurt
 

 

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