Vom Studium in den Beruf: Wie Rhein-Main internationale Fachkräfte halten will
Rund 60 Teilnehmende kamen Anfang Mai für den Workshop des International Career Service Rhein-Main zusammen, um sich über den Stand der unterschiedlichen Arbeitsgruppen auszutauschen und gemeinsam weitere Maßnahmen zu entwickeln.
Internationale Talente für die Region gewinnen: Der International Career Service Rhein-Main zieht Zwischenbilanz
Anfang Mai kamen auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt Vertreter*innen aus Hochschulen, Unternehmen, Behörden, Verbänden und Arbeitsmarktinstitutionen zum sechsten Runden Tisch des International Career Service Rhein-Main (ICS RM) zusammen. Im Mittelpunkt stand eine Frage, die angesichts des demografischen Wandels und der herausfordernden Arbeitsmarktlage immer drängender wird: Wie können internationale Studierende erfolgreich in den deutschen Arbeitsmarkt integriert und langfristig in der Region Rhein-Main gehalten werden?
Der ganztägige Workshop brachte rund 60 Teilnehmende zusammen und markierte zugleich die Halbzeit des mehrjährigen Projekts.
Der International Career Service Rhein-Main
Der „International Career Service Rhein-Main“ (ICS RM) ist ein Verbundprojekt der großen öffentlichen Hochschulen und Universitäten des Rhein-Main-Gebiets. Gefördert mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Hessen sowie Eigenmitteln der öffentlichen Hochschulen hat er eine Laufzeit von 2023 bis 2028. Neben den direkt beteiligten Goethe-Universität Frankfurt, Technische Universität Darmstadt, Frankfurt University of Applied Sciences, Hochschule Rhein-Main und Hochschule Darmstadt ist auch die Gutenberg-Universität Mainz mit dem Projekt assoziiert. Insgesamt studieren in diesem Verbund etwa 25.000 internationale Studierende und weitere 25.000 Studierende mit Migrationsgeschichte, die vom ICS RM durch unterschiedliche Veranstaltungen, Workshops, Coachings, Beratungen, Mentoringprogramme und vieles mehr unterstützt werden. Ein operativ ausgerichteter Runder Tisch und ein strategischer Beirat unterstützen den ICS RM bei der Weiterentwicklung seiner Angebote und dem Abbau struktureller Herausforderungen und Hürden internationaler Studierender in Rhein-Main. Mit seinem umfassenden Ansatz und der hochschulübergreifenden Zusammenarbeit in der gesamten Region bildet der ICS RM ein in dieser Form bislang einmaliges Modell.
Fachkräftemangel bleibt – trotz aktueller Wirtschaftsflaute
Neben Austausch zu Best Practice und Fachthemen lag ein Schwerpunkt des Treffens auf der aktuellen Arbeitsmarktlage. Dr. Christa Larsen, Leiterin des IWAK sowie eine der Leitungen des ICS RM, zeichnete dabei ein differenziertes Bild: Zwar seien viele Unternehmen derzeit zurückhaltend bei Neueinstellungen, gleichzeitig bleibe der langfristige Fachkräftemangel bestehen. Der Grund liege vor allem in der Demografie: In den kommenden Jahrzehnten werden deutlich mehr Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden als neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage ändere nur wenig an dieser grundsätzlichen Entwicklung.
Die Arbeitsmarktexpertin hob jedoch hervor, dass die derzeitige Generation von Absolvierenden – national wie international – ihr Studium in Zeiten begonnen habe, die mit ganz anderen Vorstellungen zum Arbeitsmarkteinstieg verbunden waren. „Jahrelang wurde ihnen vermittelt, dass sie aufgrund der demografischen Entwicklung mit einem universitären Bildungsabschluss einfach in den Job finden würden und dabei unter mehreren Angeboten auswählen könnten. Das ist heute in vielen Sektoren nicht mehr der Fall. In den letzten zwei Jahren haben der Strukturwandel im industriellen Bereich sowie die KI zu Disruptionen in vielen Berufsfeldern geführt. Die Bereitschaft der Unternehmen und der öffentlichen Arbeitgeber zu rekrutieren, ist vor diesem Hintergrund deutlich zurückgegangen. Dies ist der wesentliche Grund, warum es derzeit viele Absolvierende schwer haben, überhaupt in den Arbeitsmarkt einzutreten. Viele sind von dieser Wendung am Arbeitsmarkt sehr überrascht, denn diese passt kaum zum Mindset der stark gesuchten Generation, das sie über viele Jahre begleitet hat. Die ‚Ernüchterung‘ ist groß, denn oft gibt es weder die erwarteten hohen Einstiegsentgelte noch die erwarteten Wahlmöglichkeiten.“
Diese Entwicklungen machen auch vor internationalen Studierenden nicht halt, führte Larsen weiter aus. Viele seien mit der Erwartung nach Deutschland gekommen, aufgrund des Fachkräftemangels schnell eine Beschäftigung zu finden. Dies erweist sich derzeit als schwierig. Jedoch ist der International Career Service Rhein-Main bemüht, die jetzt längere Phase des Berufseinstiegs nach dem Studium mit Angeboten zur Verbesserung der Sprachkenntnisse, dem Kennenlernen von Beschäftigungsbereichen in der Praxis (Hospitation, Praktikum) und der Intensivierung der regionalen Vernetzung (Arbeit, Wohnen und Freizeit) produktiv zu nutzen, damit die Einmündungsschancen besser werden. Gerade bei der Weiterentwicklung dieser Angebote kann auf die Expertise der Mitglieder des Runden Tisches zurückgegriffen werden. Ideen sind bereits gesammelt und die thematischen Arbeitsgruppen entwickeln daraus neue praxisnahe Angebote für internationale Studierende und Absolvierende.
Neue Daten zum Student and Junior Employee Life Cycle sollen Entwicklungen sichtbar machen
Um die Lagen, Motive und Interessen internationaler Studierender noch besser zu verstehen, wird im ICS RM derzeit ein regionales Monitoring internationaler Studierender und Absolvierender aufgebaut. Orientiert am „Student and Junior Employee Life Cycle“ soll künftig der gesamte Weg internationaler Studierender von deren Ankunft an den Hochschulen im Rhein-Main-Gebiet über ihr Studium bis hin zu ihrer Einmündung in den Beruf oder eine Selbstständigkeit gezielt beobachtet werden. Dabei spielen Themen wie Herkunftsländer, Studienfachwahl, Studiendauer und -abschlüsse eine zentrale Rolle. Mehr Transparenz wird helfen, noch besser zu verstehen, welche Angebote internationale Studierende und Absolvierende am besten unterstützen.
Dennis Schmehl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IWAK, zeigte auf, dass diese Informationen für Hochschulen wie auch Verbände, Kammern, Arbeitgeber, Gewerkschaften und Auslandshandelskammern von großem Interesse sind. Derzeit befindet sich die Datenbank zum Monitoring im Aufbau. Schmehl wies darauf hin, dass es zwar viele Daten gebe – unter anderem von Hochschulen, dem DAAD, sowie Ministerien – diese allerdings nicht auf Ebene der gesamten Rhein-Main-Region vorliegen. Eine entsprechende Referenzquelle soll nun mit diversen Expert*innen aufgebaut werden.
Den Mehrwert dieser Informationen stellte Schmehl mit einem Auszug aus der derzeitigen Datenbank 1.0 dar. Bereits heute lassen sich wichtige Veränderungen identifizieren. So habe Indien im vergangenen Wintersemester die Türkei als wichtigstes Herkunftsland internationaler Studierender im Rhein-Main-Gebiet überholt. Ebenso wächst die Zahl pakistanischer Studierender deutlich, auch wenn chinesische und türkische Studierende weiterhin die meisten Absolvierenden stellen. Schmehl veranschaulichte anhand diverser Grafiken, dass internationale Studierende überdurchschnittlich häufig Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie Informatik als Studiengänge wählen und zeigte einen weiteren interessanten Trend auf: Gerade Studierende aus Indien und Pakistan kommen überwiegend für Masterstudiengänge in die Region.
Diese Entwicklungen, so sind sich die Expert*innen des ICS RM sicher, haben Folgen für Unterstützungsangebote: Wer nur für einen zweijährigen Master nach Deutschland kommt, habe beispielsweise deutlich weniger Zeit für Spracherwerb, Vernetzung, berufliche Orientierung und Integration. „Hierdurch gewinnen Unterstützungsstrukturen umso mehr an Bedeutung,“ sagte Schmehl abschließend. Die Datenlage gebe Einblicke in Verschiebungen, fasste Dr. Christa Larsen zusammen, wodurch sich wiederum neue Fragestellungen entwickeln. „Künftig kann ein solches Monitoring dazu beitragen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen“, so Larsen.
Die Arbeit der fünf Arbeitsgruppen: Von Aufenthaltsrecht bis Unternehmensgründung
Den Life Cycle internationaler Studierender betrachtet der ICS RM bereits seit Aufnahme seiner Tätigkeiten vor rund drei Jahren systematisch. Universitäre Unterstützungsangebote richten sich dabei naturgemäß vor allem auf die Phase des Studiums, genauer dessen Beginn, Verlauf und Abschluss bzw. den Übergang in das Berufsleben. Insbesondere mit Blick auf den Übergang in den Beruf bietet der ICS RM verschiedene Veranstaltungs- und Workshopformate sowie Beratungen und Mentorings an, die internationale Studierende und Studierende mit Migrationsgeschichte bei diesem Schritt unterstützen. Die Daten zeigen, an welchen Stellen des Studien- und Berufsverlaufs besondere Hürden entstehen. Der Runde Tisch greift diese strukturellen Herausforderungen in fünf Arbeitsgruppen auf und entwickelt gemeinsam mit Hochschulen, Unternehmen, Behörden und Verbänden praxisnahe Lösungen.
(1) Aufenthaltsrechtliche Rahmenbedingungen
Die erste AG wird gemeinsam von Lars Hollmann, Leiter des Referats Welcome & Housing der TU Darmstadt und Dr. Susanne Jauernig, Leiterin Studienerfolg und Integration bei Studium Lehre Internationales an der Goethe-Universität, moderiert. Die Gruppe erarbeitete unter anderem ein Informationsschreiben für Arbeitgeber und Betroffene zur Fiktionswirkung und Fiktionsbescheinigung, das heute auf der Website des Hessischen Ministeriums des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz verfügbar ist. Gemeinsam mit dem Regierungspräsidium Darmstadt arbeitet die AG zudem an einer einheitlichen Handhabung des Lebensunterhaltsnachweises für internationale Studierende, um Unsicherheiten durch unterschiedliche kommunale Auslegungen des Aufenthaltsrechts zu verringern. Neben einfacher Sprache wollen sich die Expert*innen dieses Themenkomplexes künftig auch mit nutzerfreundlichen Informationsangeboten beschäftigen, um Barrieren konsequent weiter abzubauen.
(2) Sprache als Schlüssel zur Integration
Jonas Fidler, Geschäftsführer Bildungspolitik bei der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände und beim Arbeitgeberverband HESSENMETALL, moderiert die Arbeitsgruppe zum Thema Spracherwerb. Ein zentraler Schwerpunkt der Arbeitsgruppe ist der Erwerb von Deutschkenntnissen durch internationale Studierende in englischsprachigen Studiengängen. Obwohl Hochschulen entsprechende Kurse anbieten, erreichen insbesondere Studierende englischsprachiger Masterprogramme oft nicht das Sprachniveau, das für einen erfolgreichen Berufseinstieg erforderlich ist – und das, obwohl viele von ihnen mit genau diesem Ziel nach Deutschland kommen. Die Gruppe sensibilisiert Hochschulen, Politik und Studierende für diese Herausforderung und setzt sich für bessere Rahmenbedingungen ein. Dazu zählen die strukturelle Einbindung von Deutschkursen in englischsprachige Studiengänge (ein entsprechendes Positionspapier liegt vor); die Identifikation biografischer Brüche, die den Spracherwerb während des Studiums erschweren oder verhindern; die Vereinheitlichung von Finanzierungs- als auch Spracherwerbsangeboten; sowie die Entwicklung von Qualitätsstandards für private Sprachkurse.
(3) Karrierechancen in kleinen und mittelständischen Unternehmen
In der Arbeitsgruppe zu kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), unter der Leitung von Jens Blank, Abteilungsleiter Karriere, Stipendien und Preise bei Studium Lehre Internationales (SLI), dreht sich alles um die Frage, wie internationale Studierende und regionale Unternehmen noch besser miteinander in Kontakt gebracht werden können. Während Großunternehmen als Arbeitgeber für die Zielgruppe des ICS RM sichtbar und attraktiv sind, besteht der überwiegende Teil der hessischen Unternehmenslandschaft aus KMU, denen häufig Zugänge zu Hochschulen und Universitäten als Rekrutierungsfeld fehlen und deren betriebliche Strukturen und Arbeitskulturen noch stärker auf internationale und akademische Fachkräfte ausgerichtet werden könnten. Um die Herausforderung des Matchings zu lösen, wird innerhalb der AG mit verschiedenen Veranstaltungsformaten gearbeitet. So wurde mit „Career Connect“ ein Format entwickelt, das gezielt Studierende bestimmter Fachbereiche und Studiengänge mit Unternehmen der entsprechenden Branchen zusammenbringt. Für den Herbst ist neben einer Veranstaltung mit Schwerpunkt auf Chemie und Biowissenschaften auch ein entsprechender Austausch zwischen Arbeitgebern und Studierenden im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, u.a. mit Banken, geplant. Zudem arbeitet die AG an einer Weiterentwicklung der Matching Week und beschäftigt sich mit der Idee eines durch den ICS RM verliehenen Zertifikats oder Siegels für Unternehmen, die besonders gute Rahmenbedingungen für internationale Fachkräfte schaffen (durch Onboarding, Sprachunterstützung, Unterstützung bei der Aufenthaltsgenehmigung, oder ähnliches).
(4) Nachhaltige Integration in die Region
Im Fokus der von Dr. Christa Larsen geleiteten Arbeitsgruppe steht aktuell die Weiterentwicklung der ICS RM-Informationsplattform „Regionale Angebote für Internationale Studierende“ (RAISE), die internationalen Studierenden Orientierung und Unterstützungsangebote zum Kennenlernen des Rhein-Main-Gebiets bietet. Neben dieser Weiterentwicklung arbeitet die AG an Konzepten zur stärkeren interkulturellen Öffnung von Behörden. Denkbar sind praktische Handreichungen oder Zertifizierungsangebote, die Verwaltungen bei der Entwicklung einer Willkommenskultur und der Steigerung der Transparenz ihrer Angebote gegenüber Menschen mit internationalem Hintergrund zu unterstützen. Da internationale Studierende zudem in besonderem Maße vom angespannten Wohnungsmarkt im Rhein-Main-Gebiet betroffen sind, während ihres Studiums vielfach in Wohnheimen leben und diese zum Ende dessen verlassen müssen, wurde in der Arbeitsgruppe darüber hinaus ein Empfehlungspapier zum Thema Wohnen für Mitarbeitende entwickelt. Es zeigt praktisch auf, wie Arbeitgeber neue Beschäftigte durch die Bereitstellung von Wohnraum nicht nur gewinnen, sondern auch langfristig binden können.
(5) Gründung als Chance zur Teilhabe an der Wirtschaft
Die fünfte Arbeitsgruppe widmet sich dem Thema Entrepreneurship und wurde bei der Sitzung des Runden Tisches von Maria Camila Muñoz Arias, Redakteurin Öffentlichkeitsarbeit Forschung, Transfer und Gründungsförderung an der Hochschule Darmstadt repräsentiert. Erst im März hat die Gruppe die Veranstaltung „International Students Turned Startup Founders“ an der Goethe-Universität durchgeführt und blickt nun auf die positiven Erfahrungen dort zurück. Das Interesse der internationalen Studierenden am Thema war groß und der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt – künftig sollen daher Veranstaltungen zu diesem Schwerpunkt auch an den anderen Hochschulen und Universitäten des ICS RM-Verbunds durchgeführt werden. Parallel dazu wurde ein Leitfaden veröffentlicht, der von den Arbeitsgruppen 5 und 1 gemeinsam erarbeitet wurde und internationalen Studierenden mehr Orientierung über die komplexen aufenthaltsrechtlichen Aspekte im Rahmen einer selbstständigen Tätigkeit bietet.
Das Stimmungsbild zur Halbzeit: Integration ist eine Gemeinschaftsaufgabe
Trotz der unterschiedlichen Themenfelder zeigte sich im Verlauf des Tages immer wieder, wie eng die einzelnen Bereiche miteinander verbunden sind: Aufenthaltsrechtliche Fragen beeinflussen den Berufseinstieg. Sprachförderung wirkt sich auf Beschäftigungschancen aus. Unternehmen benötigen Unterstützung bei der Integration internationaler Mitarbeitender und Behörden spielen eine wichtige Rolle für die Willkommenskultur vor Ort.
Für Dr. Christa Larsen liegt genau darin die Stärke des International Career Service Rhein-Main: Hochschulen, Unternehmen, Kammern, Verbände und Behörden arbeiten gemeinsam an Lösungen. Denn: „Nachhaltige Integration beginnt nicht erst beim ersten Arbeitsvertrag, sondern bereits bei der Ankunft in der Region – und setzt sich über Studium, Spracherwerb und gesellschaftliche Teilhabe bis in den Beruf hinein fort.“
Text: Leonie Schultens (ursprünglich erschienen im UniReport der Goethe-Universität Frankfurt)